Die 876 Gramm Kirschpflaumen von der gestrigen Radtour lagen seit gestern Abend in der Küche und wollten verarbeitet werden. Ein Teil ist beim Naschen draufgegangen, aber genug war noch übrig für einen ordentlichen Likör-Ansatz. Also heute: Waage raus, Messer raus, Flasche raus.

Gefüllt hab ich in dieser Reihenfolge: zuerst 200 g halbierte, entkernte Kirschpflaumen, dann 600 ml Doppelkorn – der Rest einer angebrochenen Flasche vom letzten Ansatz. Dazu kam ein Sternanis, den ich in Likören besonders gerne mag, und 140 g brauner Kandiszucker, ebenfalls der Rest einer angebrochenen Packung. Am Ende war die Flasche noch nicht ganz voll, also kamen nochmal 140 g Kirschpflaumen oben drauf, bis nichts mehr reinging. Macht insgesamt 340 g Frucht auf 600 ml Doppelkorn – deutlich alkohollastiger als das übliche Verhältnis von gleichen Teilen Frucht und Alkohol. Das ist Absicht, genau wie schon beim Schlehenlikör Anfang des Monats: Die Säure der Frucht soll noch durchkommen, statt dass am Ende alles nur süß schmeckt.

Entkernen ist bei der Kirschpflaume die eigentliche Fleißarbeit. Zweimal ringsherum einschneiden, dann lässt sich der Kern bei den meisten Früchten vorsichtig herauspopeln. Klappt es nicht, landet die Frucht eben im Mund und wird gegessen – dann kommt die nächste dran. Kein Vorgang, bei dem man sich stundenlang ärgern sollte, wenn er nicht bei jeder Frucht sauber gelingt.
Beim Entkernen stellt sich automatisch die Frage, ob das wirklich sein muss – schließlich ist das Fruchtfleisch der Kirschpflaume unbedenklich, nur die Kerne enthalten wie bei allen Prunus-Arten Amygdalin, aus dem sich Blausäure abspalten kann. Ein einzelner, unbeschädigter Kern gibt davon kaum etwas ab, solange die harte Schale intakt bleibt – akute Gefahr geht davon nicht aus. Beim Schneiden mit dem Messer lässt sich aber nie zuverlässig ausschließen, dass ein Kern anreißt oder angeschnitten wird, und genau das wird beim Ansatzlikör zum Problem: Anders als beim Erhitzen, wo sich Blausäure größtenteils verflüchtigt, bleibt sie im kalten Alkohol über Wochen und Monate einfach erhalten. Deshalb gilt hier dieselbe Regel wie bei Zwetschgen-, Mirabellen- und Wildkirschlikör: Kerne komplett raus, keine Ausnahmen. Konkrete Zahlen zur Blausäuregefahr von Steinobstkernen liefert das Bundesinstitut für Risikobewertung.


Nach dem Auffüllen sah es in der Küche aus wie nach einer kleinen Schlacht – überall Fruchtreste, Kernabfälle, und die Waage voller roter Flecken. Ein Teil der Kirschpflaumen war noch übrig und wanderte zurück in die Schüssel zum Naschen, die Kerne und Fruchtfleischreste landeten in einer Dose. Sauerei gehört bei diesem Rezept einfach dazu.

Zum Schluss noch ein Foto von allem, was hier gerade in der Küche steht: drei Liköre nebeneinander. Die beiden dunkelroten Flaschen links sind die zwei Schlehenlikör-Ansätze vom Anfang des Monats – einmal mit Schafgarbenblättern, einmal mit -blüten –, bei denen sich die Farbe inzwischen deutlich vertieft hat. Rechts daneben der frische, noch helle Kirschpflaumenlikör von heute, bei dem man die Fruchtstücke noch gut erkennen kann. In ein paar Wochen dürfte er ähnlich dunkel geworden sein.
