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Schlehenlikör im Juli – zwei Ansätze mit Schafgarbe im Vergleich

Kleines Geständnis vorweg: Ich habe heute Schlehenlikör angesetzt. Mitten im Juli. Bei Schlehen erntet man normalerweise erst nach dem ersten Frost im Herbst – aber ich hatte noch einen Beutel vom letzten Jahr im Gefrierfach, an den ich seit Monaten nicht mehr gedacht hatte. Beim Aufräumen wiedergefunden, und statt ihn ein weiteres Jahr liegen zu lassen, hab ich kurzerhand entschieden: heute ist der Tag.

Beutel mit tiefgefrorenen Schlehenbeeren, deutlich mit Reif überzogen
Der Fund aus dem Gefrierfach – Schlehen vom Herbst, bisher nicht verarbeitet.

Tiefgefroren machen Schlehen ohnehin nichts kaputt – im Gegenteil: Der Frost baut die Gerbstoffe ab, die die Beere roh so herb-adstringierend machen, und mildert sie dadurch spürbar. Das Anschneiden ist ein zweiter, davon unabhängiger Schritt: Erst der Schnitt öffnet die Schale wirklich, damit der Alkohol später schnell an die Aromen kommt. Ein Schnitt pro Beere reicht, Hauptsache die Haut ist beschädigt.

Eine aufgetaute Schlehe wird mit einem Messer angeschnitten
Ein Schnitt pro Beere reicht völlig – mehr Aufwand muss nicht sein.

Von der ganzen Tüte hab ich nicht alles verwendet, sondern abgewogen: das leere Glas wiegt 200 g, mit den angeschnittenen Schlehen zeigte die Waage 364 g – macht gut 160 Gramm Schlehen. Das trifft sich gut, denn genau in dem Bereich liegt inzwischen auch die Zutatenliste im Schlehenlikör-Rezept hier auf der Seite.

Glas mit angeschnittenen Schlehen auf einer Küchenwaage, Anzeige 364 Gramm
364 g brutto, minus 200 g Glasgewicht – rund 160 g Schlehen für diesen Ansatz.

Und weil ich gerade dabei war: Ich habe mich zum ersten Mal an etwas herangewagt, das ich noch nie ausprobiert habe – drei Blätter frische Schafgarbe kommen mit in die Flasche. Keine anderen Gewürze diesmal, kein Anis, kein Zimt, keine Vanille – nur um zu sehen, was die Schafgarbe alleine mit dem Likör macht. Ein echtes Experiment, ich habe keine Ahnung, wie sich das schmecken wird.

Beim Zucker bin ich am unteren Ende der Rezeptspanne geblieben: 150 g brauner Kandis. Beim Alkohol dagegen bin ich deutlich vom Rezept abgewichen und hab rund 700 ml Doppelkorn genommen statt der üblichen 500 ml – deshalb auch die deutlich größere Flasche auf den Fotos. Ich mag es lieber, wenn die Säure und die herbe Note der Schlehe noch durchkommen, statt dass am Ende alles nur süß schmeckt. Mit mehr Alkohol auf dieselbe Menge Schlehen wird der Likör allerdings auch kräftiger und alkoholbetonter, dafür weniger süß und weniger fruchtig-dicht. Ob das am Ende überzeugt oder der Likör dadurch zu dünn wird, zeigt sich erst beim Verkosten.

Weil ich schon dabei war und noch genug Schlehen im Beutel hatte, habe ich gleich einen zweiten Ansatz hinterhergeschoben – mit denselben Mengen (wieder rund 160 g Schlehen, 150 g Kandis, 700 ml Doppelkorn), aber diesmal mit drei Schafgarbenblüten statt Blättern. So kann ich am Ende direkt vergleichen, ob Blatt oder Blüte den deutlicheren Unterschied macht.

Zutaten für den zweiten Schlehenlikör-Ansatz: Schlehen im Glas, leere Flasche, Doppelkorn, brauner Kandis und drei weiße Schafgarbenblüten
Ansatz Nummer zwei, gleiche Mengen – nur statt Blättern liegen hier drei Schafgarbenblüten bereit.
Ein Zweig Schafgarbe mit Blättern und beginnender Blüte auf einem Tuch
Drei Blätter davon wandern mit in den Ansatz – ohne weitere Gewürze.
Alle Zutaten für den Schlehenlikör aufgereiht: Doppelkorn, Schlehen im Glas, brauner Kandis, Schafgarbe
Alle Zutaten bereit: Doppelkorn, Schlehen, brauner Kandis, Schafgarbe.
Angesetzter Schlehenlikör in einer randvollen Flasche: Schlehen am Boden, darüber brauner Kandis, bis zum Rand mit klarem Doppelkorn aufgefüllt
Randvoll aufgefüllt – jetzt heißt es warten.

Beide Flaschen hab ich vorher mit heißem Wasser ausgespült und gründlich gereinigt, dann kamen bei der einen Schlehen, Kandis, Korn und die drei Schafgarbenblätter zusammen hinein, bei der anderen dasselbe mit den Blüten statt der Blätter. Jetzt beginnt das eigentlich Schwierige an diesem Rezept: nichts tun, außer gelegentlich schütteln, bis sich der Zucker aufgelöst hat. Wie beide riechen und schmecken, sobald die ersten Wochen um sind – und ob Blatt oder Blüte den größeren Unterschied macht – berichte ich hier.

Häufige Fragen zu diesem Ansatz

Ja, problemlos. Tiefgefroren halten sich Schlehen ohne nennenswerten Qualitätsverlust weit über ein Jahr. Der Alkohol zieht die Aromen genauso gut aus Beeren, die seit dem Herbst im Gefrierfach lagen, wie aus frisch geernteten. Nur die Optik leidet nach sehr langer Lagerung leicht, geschmacklich macht das kaum einen Unterschied.
Frost und Einfrieren wirken vor allem auf die Gerbstoffe – sie bauen sich ab, die Beere wird milder. Das Öffnen der zähen Schale ist ein separater Effekt: Die Eiskristalle sprengen zwar auch Zellwände von innen, aber ein zusätzlicher Schnitt legt sicher offen, wo der Alkohol angreifen kann. Ein Schnitt pro Beere reicht – es muss nur die Haut beschädigt sein, nicht mehr.
Ehrlich gesagt: Das wird sich erst zeigen. Schafgarbe ist wirkstoffreich und leicht bitter-würzig, und Kräuter dieser Art waren historisch oft Bestandteil von Magenbittern und Kräuterlikören. Ob drei Blätter auf diese Menge Schlehen einen spürbaren Unterschied machen oder im Fruchtaroma untergehen, ist ein offenes Experiment ohne Vorbild aus eigener Erfahrung.
Weil Blätter und Blüten der Schafgarbe unterschiedlich schmecken und riechen können – die Blüten gelten als etwas milder und weniger herb als die Blätter. Mit zwei identischen Ansätzen, die sich nur in diesem einen Punkt unterscheiden, lässt sich hinterher direkt vergleichen, welche Variante den saubereren oder interessanteren Unterschied im fertigen Likör macht.
Nach dem Standardrezept mindestens sechs bis acht Wochen dunkel und kühl, besser länger. Alle Details zu Ziehzeit, Abfüllen und Varianten stehen im Schlehenlikör-Rezept. Sobald sich beim Verkosten etwas Konkretes zeigt – vor allem im Vergleich Blätter gegen Blüten –, gibt es hier ein Update.
Christian Dresel

Von Christian Dresel

Outdoor-Koch aus Nordbayern. Sammelt, kocht und dokumentiert, was draußen wächst.