Weidenkorb mit frisch gesammelten Wildkräuterblüten auf einer Wiese mit blühendem Salbei
Wer weiß wann was blüht, kommt nie mit leerem Korb nach Hause.

Saisonkalender auf einen Blick

Grün heißt ernten. Dunkelgrün bedeutet Hauptsaison – dann sind die Blätter am zartesten, aromatischsten und einfachsten zu verarbeiten. Hellgrün steht für Nebensaison: die Pflanze ist essbar, aber Qualität und Geschmack sind nicht auf dem Höhepunkt. Mai ist der reichste Monat – fast alle Kräuter sind gleichzeitig verfügbar.

Hauptsaison
Nebensaison
Nur Blüten / Sonderteile
Nicht empfohlen

Was wächst wann?

Monat für Monat eine schnelle Orientierung – was ist verfügbar, was ist gerade besonders lohnenswert.

Januar / Februar
🌸 Vogelmiere (Hauptsaison in milden Wintern)
Sonst: Kräuterpause. Wer Brennnessel getrocknet hat, ist versorgt.
März
🧄 Bärlauch beginnt · 🌼 Löwenzahn · 🍃 Sauerampfer · 🌿 Gundermann · 🌸 Wiesenschaumkraut · 🌱 Knoblauchsrauke · 🌸 Taubnessel
Der erste reiche Monat des Jahres.
April
🧄 Bärlauch · 🌿 Brennnessel · 🌼 Löwenzahn · 🌱 Giersch · 🍃 Sauerampfer · 🌿 Spitzwegerich · 🌿 Gundermann · 🌸 Wiesenschaumkraut · 🌿 Waldmeister · 🌱 Knoblauchsrauke · 🌸 Taubnessel
Erste Vollversorgung möglich.
✦ Mai – Höhepunkt
🌿 Brennnessel · 🌼 Löwenzahn · 🌱 Giersch · 🍃 Sauerampfer · 🌿 Spitzwegerich · 🌼 Schafgarbe beginnt · 🌿 Gundermann · 🌿 Waldmeister (Schlussfenster vor Blüte) · 🌱 Knoblauchsrauke · 🌸 Taubnessel
Reichster Monat des Jahres.
Juni
🌿 Brennnessel · 🌱 Giersch · 🍃 Sauerampfer · 🌿 Spitzwegerich · 🌼 Schafgarbe (Hauptsaison) · 🌿 Gundermann · 🌱 Knoblauchsrauke (Schoten) · 🌸 Taubnessel
Juli / August
🌿 Brennnessel (2. Austrieb ab Aug.) · 🌱 Giersch · 🌿 Spitzwegerich · 🌼 Schafgarbe (Hauptsaison) · 🌸 Taubnessel
September
🌿 Brennnessel · 🌱 Giersch · 🌼 Schafgarbe (Ende) · 🌿 Gundermann · 🌸 Taubnessel (Ende)
Letzter ergiebiger Sommermonat.
Oktober
🌱 Giersch (Ende) · 🌼 Löwenzahn-Wurzel (Kaffeeersatz) · 🌸 Vogelmiere beginnt wieder
Übergangsmonat, wenig Auswahl.
November / Dezember
🌸 Vogelmiere (Hauptsaison in Frostfreiperioden)
In milden Wintern die einzige frische Option.

Tipps nach Jahreszeit

🌱 Frühling (März–Mai)

Die Hochsaison. Bärlauch zuerst sichern, er ist am kürzesten verfügbar. Dann kommen alle anderen gleichzeitig – ideal für Mischungen, Pestos und Wildkräuter-Butter auf Vorrat.

☀️ Sommer (Juni–August)

Schafgarbe und Brennnessel dominieren. Giersch liefert zuverlässig bis Oktober. Wer Vorräte anlegen will: jetzt trocknen und einfrieren für den Winter.

🍂 Herbst (September–Oktober)

Das Angebot lichtet sich. Löwenzahn-Wurzel für Kaffeeersatz lohnt sich jetzt. Getrocknete Schafgarbe und Brennnessel aus dem Sommer einsetzen.

❄️ Winter (November–Februar)

Vogelmiere ist die einzige zuverlässige frische Quelle in milden Wintern. Ansonsten ist das die Zeit, die getrockneten und eingefrorenen Vorräte aus dem Frühjahr zu nutzen.

Regionale Abweichungen

Die Angaben gelten für das deutsche Mittelgebirgsklima auf mittlerer Höhe. In der Rheinebene, im Bodenseebecken oder in Stadtlagen beginnt die Saison 2–3 Wochen früher. In Lagen über 800 m und auf Nordhängen entsprechend später. Bärlauch in einem Schwarzwälder Nordhangwald blüht oft noch, wenn er in der Rheinebene schon längst verblüht ist.

Außerdem: Dasselbe Kraut am Waldrand schmeckt anders als auf der sonnigen Wiese. Giersch aus dem Schattengarten ist deutlich milder als der von der Lichtung. Lohnt sich, die Standorte zu variieren.

Die Grundregeln des nachhaltigen Sammelns

Ein Saisonkalender sagt, wann etwas wächst – genauso wichtig ist aber, wie man sammelt. Wer Wildkräuter über Jahre an denselben Stellen ernten will, muss den Bestand schonen. Die wichtigste Faustregel ist die „Handstrauß-Regel": Für den Eigenbedarf darf man so viel pflücken, wie in eine Hand passt – nicht mehr. Pro Pflanze oder Bestand nimmt man höchstens ein Drittel und lässt den Rest stehen, damit sie sich erholt und aussamt.

Tabu sind Naturschutzgebiete und Nationalparks, dort ist das Sammeln verboten. Auch beim Standort lohnt ein zweiter Blick: Wegränder mit Hundeauslauf, viel befahrene Straßen oder gespritzte Feldraine liefern belastete Kräuter. Besser sind windgeschützte Waldränder, naturnahe Wiesen und der eigene oder ein befreundeter Garten. Und die oberste Regel über allem: Gesammelt wird nur, was man zu hundert Prozent sicher bestimmt hat. Im Zweifel bleibt die Pflanze stehen – einige der gefährlichsten Giftpflanzen wachsen genau zwischen den essbaren Wildkräutern.

Wildkräuter haltbar machen für den Winter

Der ganze Sinn eines Saisonkalenders ist, die fette Zeit für die magere vorzubereiten. Im Frühjahr und Sommer wächst weit mehr, als man frisch verbrauchen kann – wer clever konserviert, hat auch im Januar Wildkräuter. Die einfachste Methode ist Einfrieren: Blätter waschen, trockenschütteln, portionsweise in Beutel oder als Püree mit etwas Wasser in Eiswürfelformen. So bleiben Aroma und Farbe am besten erhalten.

Trocknen eignet sich vor allem für Tee- und Würzkräuter wie Schafgarbe, Brennnessel oder Gundermann – luftig, schattig und nicht über 40 °C, damit die ätherischen Öle nicht verfliegen. Aromatische Blattkräuter wie Bärlauch verlieren beim Trocknen dagegen fast alles und werden besser zu Pesto, Kräuterbutter oder Kräuteröl verarbeitet und eingefroren. Wer es würzig mag, mischt fein gehackte Kräuter mit grobem Salz zu einem Kräutersalz – das hält monatelang und bringt im Winter ein Stück Frühling auf den Teller.

Häufige Fragen – Wildkräuter-Kalender

Wenige, aber es gibt sie: Vogelmiere (Stellaria media) hält sich in milden Wintern bis in den Januar, Gundermann treibt bei Plusgraden neu aus, und Feldsalat wächst als echter Winterläufer. Schafgarbe ist als getrocknetes Kraut das ganze Jahr verwendbar. Die eigentliche Saison startet erst im März wieder, mit Bärlauch und Wiesenschaumkraut.
Apps wie PlantNet oder Flora Incognita sind gute Einstiegshilfen, aber nie zu 100% verlässlich für Speisezwecke. Pflicht: mindestens ein gutes Feldführer-Buch zusätzlich, und im Zweifel einen Kräuterwanderkurs besuchen. Die Stiftung Warentest rät: niemals ausschließlich auf App-Bestimmungen verlassen wenn die Pflanze gegessen werden soll.
Nur wenn sicher keine Pestizide oder Herbizide ausgebracht wurden. Öffentliche Grünanlagen werden oft behandelt – im Zweifel meiden. Eigener Garten ohne Chemie: ideal. Straßenränder: generell meiden (Abgase, Streusalz). Beste Orte: Waldränder, ungemähte Wiesenstücke, Obstgärten und Feldränder abseits von Hauptstraßen.
Nicht waschen vor der Lagerung – Feuchtigkeit fördert Schimmel. Trocken in feuchtes Küchenpapier einrollen und im Gemüsefach des Kühlschranks lagern: hält 2–3 Tage. Alternativ in ein Glas mit etwas Wasser stellen wie einen Blumenstrauß. Bärlauch und Giersch am besten noch am Sammeltag verarbeiten – sie verlieren schnell Aroma.
Am späten Vormittag, sobald der Morgentau abgetrocknet ist, aber bevor die Mittagssonne die Pflanzen welken lässt. Trockene Kräuter halten sich besser und schimmeln nicht so schnell. Der Gehalt an ätherischen Ölen ist vormittags am höchsten – das Aroma ist dann am intensivsten. Bei großer Hitze am Nachmittag gesammelte Kräuter sind oft schlapp und verlieren schneller an Qualität.
Die wichtigste Regel: nur sammeln, was man zu hundert Prozent sicher bestimmt hat. Besonders heikel sind Bärlauch (verwechselbar mit giftigem Maiglöckchen und Herbstzeitlose) und Doldenblütler wie Giersch (mit dem giftigen Schierling). Hilfreich sind eindeutige Merkmale wie der Geruchstest bei Bärlauch und ein gutes Bestimmungsbuch. Im Zweifel bleibt die Pflanze stehen – und bei Vergiftungsverdacht sofort den Giftnotruf anrufen.
Christian Dresel

Von

Outdoor-Koch aus Nordbayern. Seit über zehn Jahren richtet er sein Sammeljahr nach der Saison der Wildkräuter. Mehr über mich →